Die Entstehung des Bubenreuther Philisteriums
Aus: Ernst Höhne, Die Bubenreuther – Geschichte einer deutschen Burschenschaft, Erlangen 1936
1820: In den früheren Jahren hatte es im Grunde genommen kein Philisterium [Altherrenvereinigung] in der Art eines Philister-Verbandes gegeben. Der Bursche, der als Philister die Hochschule verließ, war aus seiner Gemeinschaft ausgeschieden und hatte im allgemeinen den Zusammenhang mit den Jungen verloren. Nur die Wenigen, die ihr Beruf nach Erlangen oder Nürnberg führte, sahen sich gelegentlich nach den jungen Leuten um. (...) So kam
Johann Strebel, der 1823 Lehrer in Nürnberg wurde, noch oft herüber nach Erlangen; die jungen Dozenten wie
Johann Leupoldt und
Georg Puchta standen noch Jahre nach ihrer Habilitation im Leben der Burschenschaft und unvergeßlich sind die Verdienste
August Espers und
Hans von Raumers, die in den ernsten Zeiten der Krise [der 1830er Jahre] ihre Hand über die Burschenschaft hielten. Es waren Ausnahmen. (..) Die Demagogenverfolgung hatte begonnen, sie machte es den Männern, die im öffentlichen Leben standen, unmöglich, die Verbindung mit der Burschenschaft aufrechtzuerhalten.
1843: Das Universitätsjubiläum von 1843 brachte die erste große Versammlung von Philistern. Die alten Studienfreunde waren auf Einladung der Universität zusammengekommen; wer konnte etwas dahinter finden? (...) Seitdem rissen aber die Fäden nicht mehr ab. Die Jungen waren stolz auf die Alten; an ihnen sahen sie, welche Früchte die einstige burschenschaftliche Erziehung getragen hatte. (...) Sie sammelten die Adressen der Philister, um sie über alle Vorgänge in Erlangen auf dem laufenden zu halten; eine Verpflichtung erwuchs daraus noch für keine der beiden Seiten. Raumer vertiefte die Beziehungen zu den gefeierten Männern, die in den zwanziger und dreißiger Jahren aktiv waren. 1849 hören wir bereits von einem amtlichen Rundschreiben an die Philister, das die Vorfälle erklärte und rechtfertigte, und ebenso von ihrer billigenden Antwort.
1850: Den entscheidenden Schritt, diese Entwicklung zu fördern, tat
Friedrich von Küster im Jahr 1850 mit seiner Neubearbeitung des Brauches. Hier hieß es jetzt: „Als Bubenruthia ist die Burschenschaft eine Lebensverbindung, d.h. alle ihre Prinzipien sind für den Philister ebenso bindend wie für jeden aktiven Studenten.“ Diese Forderung war etwas völlig Neues im Leben der Verbindungen und galt in der Folgezeit als ein wesentliches Kennzeichen der Bubenreuther. Selbstverständlich war es nicht eine gelegentliche, willkürliche Brauchänderung, Sondern vielmehr der Abschluß eines langen Prozesses, in dem Jungburschenschaft und Philisterium zu einer solchen Einheit zusammengewachsen sind. Die ersten Ansätze dazu zeigte schon 15 Jahre vorher das Raumersche Verfassungswerk.
1853: 1851 wurde die Sitte eingeführt, daß abgehende Philister von der Burschenschaft ein Philisterband erhielten; sie selber sollten dafür der Bibliothek ein Buch stiften. 1853 fand gleichzeitig mit der Bubenreuther Kirchweih der erste große „Philisterkonvent“ statt, in Erinnerung an die Zusammenkunft von 1843, aber diesmal ausdrücklich zu dem Zweck, den Zusammenhalt zwischen Jungburschenschaft und Philisterium auszubauen. Im gleichen Jahr stellte
Theodor Dietz das erste vollständige Verzeichnis der Bubenreuther Philister auf; es ist handschriftlich noch in unserem Besitz und bildete die Grundlage für alle späteren Verzeichnisse; zwei Jahre danach wurde für Streitigkeiten zwischen Burschen und Philistern das Ehrenschiedsgericht eingerichtet, gegen das auch der Philister keinen Einspruch erheben konnte. All das waren äußere Symptome für den tatsächlichen Zusammenhalt.
1863: Als die Philister 1858 und 1863 zum 25jährigen und zum 30jährigen Jubiläum in noch größerer Anzahl als früher nach Erlangen kamen, da sahen Sie, daß die Burschenschaft wieder einen ihrer Höhepunkte erreicht hatte; manches war anders geworden als in ihrer Jugend, aber es herrschte der alte Geist. Schon äußerlich zeigte sich das Gedeihen des Bundes darin, daß die Bubenruthia wieder 70 bis 80 Leute zählte. Das war etwa ein Fünftel der Gesamtstudentenschaft, weit mehr als die drei Korps des S.C. zusammen. Lange Zeit mehrmals im Lauf der nächsten Jahrzehnte waren die Bubenreuther die stärkste schlagende Verbindung Deutschlands.